schüttelgrat soundscapes

15 Uhr am Bisamberg.

Ein Flugzeug brummt, Volksgemurmel - dann ein Countdown - eine kurze Kunstpause - bum, bumbum usw. - ein Rauschen und Applaus - "so schnell war er weg" der Sendemast am Bisamberg, und Österreich hatte ein neues höchstes Gebäude.
(ah)

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ein Uhr nachts in Marburg

"Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts", fragt sich Heidegger, in einem Café am Marburger Marktplatz sitzend, auf den Gockel am Rathausturm blickend. Da kräht er nun, dieser Gockel, scheinbar ermüdungslos, jede volle Stunde. Wozu überhaupt, fragt er den Gockel. Ich symbolisiere das "Nichts" in dieser Stadt, sagt er zum Fragenden. Wieso? Gelangweilte und graue Menschen, sinnloses Treiben, oberflächliches Kommen und Gehen, das sei doch kein "Sein". Er symbolisere das "Nichts", weil er gar nicht das sei, was die Menschen erwarten. Der Fragende erfährt, dass dieses seltsame Geräusch, das da von oben kommt, gar nicht von ihm, dem Gockel komme. Nein, es komme vom Wächter, der unter ihm steht - gleich neben Justitia und dem Tod - und trompetet. Er, der Gockel, schlage nur altersschwach mit den Flügeln. Aber die Staunenden da unten sollen ruhig ihre Illusionen beibehalten und glauben, dass er es sei, der sie belustige. Das Krähen sei ihm übrigens schon lange vergangen, über 400 Jahre jeden Tag, zu jeder vollen Stunde krähen, das sei doch kein Leben mehr. Er begnüge sich nun damit, stumm das "Nichts" - das ohnehin immer mehr werde - zu beobachten. Da habe er Arbeit genug in dieser Stadt. Der kaffeeschlürfende gelangweilte Marburger Marktplatz-Besuchende gibt sich zufrieden. Nie wird er wohl eine Antwort auf seine eigentliche Frage finden.

Geradezu besessen scheint er. Der Sound-Künstler schafft es gerade noch. Außer Atem kommt er noch zur rechten Zeit am rechten Ort an um seine letzte Aufnahme des Gockel zu machen. Es ist dunkel, der Marktplatz fast menschenleer, nur ein Obdachloser versucht ein Gespräch mit ein paar Passanten. Der Gockel - bewegungslos und stumm - thront hoch oben auf der Spitze des Rathausturmes. Dann, der Moment ist gekommen, die Zigarette wird ausgedämpft. Es ist 1 Uhr nachts: große Erwartungen zu Beginn, dann Staunen gefolgt von Stille. Erleichterung und Ergriffenheit am Schluß. Endlich geschafft! Das Nichts ist aufgenommen.
(syk)

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neulich im stadion

österreich gewinnt gegen frankreich 3 zu 1. 2 Eiertore und ein elfmeter. endlich ist auch uns einmal das vogerl zugeflogen. 38 jahre sind seit dem letzten sieg gegen die bleus vergangen. wir, die wir nicht im stadion waren, finden es trotzdem schade, dass wir die französische hymne nicht können. denn sonst hätten wir dem 7-jährigen, der gleich bei seinem ersten besuch im stadion von welle zu welle glitt, ein wenig zauberfußball beibringen können. (rp)

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morgens in Shkodra

Von Montenegro bis nach Albanien sind es nur wenige Schritte. Sind im Kopf aber Schauergeschichten wie "die Frau ist ein Sack" oder "die Blutrache vererbt sich bis in die 7. Generation", die im Reiseführer aus dem Kanun, dem alten Gewohnheitsrecht des albanischen Nordens, zitiert werden, kann man trotz der freundlichen jungen Albanerin, die weder schwarz gekleidet ist noch ein Kopftuch trägt und gut englisch spricht, schon mal das Gefühl haben, man sei auf dem Weg in ein archaisches Land, in dem noch 500 Jahre alte Gesetze gelten, die einen eventuell das Leben kosten könnten.
Fährt man morgens nach Shkodra, etwa 20 Minuten von der Grenze entfernt, kommt man tatsächlich erstmal in eine so fremde Welt, dass man jedem, der aus ökologischen oder psychohygienischen Gründen kein Flugzeug benutzen will, empfehlen möchte, doch hierher zu kommen anstatt von fernen Ländern zu träumen.
Morgens ist Shkodra eine heiße, staubige Stadt, in der kaum Menschen unterwegs sind. Der Hauptplatz, an dem das Taxi hält, ist eine Baustelle, und das Hotel, das man sich im Reiseführer ausgesucht hat, gibt es nicht mehr. Dafür ist das Hotel Parku nur wenige Schritte entfernt. Das enge, kleine Haus hat ein Stockwerk, in das eine steile Treppe führt, das Bad ist am Gang, und vor dem Fenster unseres gemütlich einfachen Zimmers kräht ein Hahn und zwitschern die Vögel. Eine Katze und eine Ziege singen ein Duett, lassen sich dabei aber nicht erwischen. In Skhodra wird Gott von Muezzins und Kirchenglocken gleichermaßen gepriesen, obwohl Gott in Albanien nicht so wichtig ist.
Am Abend dann werden die Menschen durch die am Nachmittag ergrünten Straßen des Zentrums flanieren oder in einem der zahlreichen Cafés und Restaurants über den Tag, die Zukunft und das Fußballspiel des darauffolgenden Tages - Rapid Wien gegen Vllaznia Shkodra - plaudern.
(rp)

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Mittag in Olomouc

In Olomouc, da's ziemlich viele Kirchen gibt, schlagen sie besonders auch zu Sonntagmittag den Mittag an. Sie rufen zum Essen, oder zum Gebet, oder gemahnen zum In-sich-gehen, oder an die tschechische oder Londoner Zeit? Touristen gibt's auch ein paar. Sie warten auf die Attraktion und machen ihre Nebengeräusche. Kinder und Schritte, anschwellend. Gerade noch rechtzeitig sind wir gekommen. Jemand macht die Coladose auf. Die Attraktion ist die große astronomische Uhr am Rathaus zu Olomouc. Mehrfach umgestaltet im Laufe der Zeiten zeigt sie die Zeit, das Datum, das Himmelsbild, die Mondphase, das Jahr, die Temperatur und den Luftdruck an. Stumm. Sie lässt den Kirchen generös den Vortritt. Sie käm auch nicht dagegen an. Dann ist rundum der Mittag gemeldet. Die Spieluhr der großen astronomischen Uhr zu Olomouc setzt ein. Jemand lacht. Die Spieluhr spielt den 2. Akt. Einer hustet. Die Spieluhr spielt den 3. Akt. Jetzt ist grad Ruhe. Die Spieluhr spielt den 4. Akt. Ein veritables Welttheater. Die Spieluhr spielt den 5. Akt. Pling ploing. Das war's dann wohl? Nein, nein. Sie hat noch einen 6. Sie spielt den Epilog. Dem Dreiklang folgt die Tröte. Zum Schluss das ist der Hahn. Und dann ist's doch zu Ende. Der Tourist schaut auf seine Armbanduhr. Zehneinhalb Minuten dauerte nun für ihn das Spektakel.
(vh)

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