schüttelgrat soundscapes

morgens in Shkodra

Von Montenegro bis nach Albanien sind es nur wenige Schritte. Sind im Kopf aber Schauergeschichten wie "die Frau ist ein Sack" oder "die Blutrache vererbt sich bis in die 7. Generation", die im Reiseführer aus dem Kanun, dem alten Gewohnheitsrecht des albanischen Nordens, zitiert werden, kann man trotz der freundlichen jungen Albanerin, die weder schwarz gekleidet ist noch ein Kopftuch trägt und gut englisch spricht, schon mal das Gefühl haben, man sei auf dem Weg in ein archaisches Land, in dem noch 500 Jahre alte Gesetze gelten, die einen eventuell das Leben kosten könnten.
Fährt man morgens nach Shkodra, etwa 20 Minuten von der Grenze entfernt, kommt man tatsächlich erstmal in eine so fremde Welt, dass man jedem, der aus ökologischen oder psychohygienischen Gründen kein Flugzeug benutzen will, empfehlen möchte, doch hierher zu kommen anstatt von fernen Ländern zu träumen.
Morgens ist Shkodra eine heiße, staubige Stadt, in der kaum Menschen unterwegs sind. Der Hauptplatz, an dem das Taxi hält, ist eine Baustelle, und das Hotel, das man sich im Reiseführer ausgesucht hat, gibt es nicht mehr. Dafür ist das Hotel Parku nur wenige Schritte entfernt. Das enge, kleine Haus hat ein Stockwerk, in das eine steile Treppe führt, das Bad ist am Gang, und vor dem Fenster unseres gemütlich einfachen Zimmers kräht ein Hahn und zwitschern die Vögel. Eine Katze und eine Ziege singen ein Duett, lassen sich dabei aber nicht erwischen. In Skhodra wird Gott von Muezzins und Kirchenglocken gleichermaßen gepriesen, obwohl Gott in Albanien nicht so wichtig ist.
Am Abend dann werden die Menschen durch die am Nachmittag ergrünten Straßen des Zentrums flanieren oder in einem der zahlreichen Cafés und Restaurants über den Tag, die Zukunft und das Fußballspiel des darauffolgenden Tages - Rapid Wien gegen Vllaznia Shkodra - plaudern.
(rp)

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